wir reichen ein: unseren verschwendungsnachweis
Ende dieses Jahres läuft das überregional ausgerichtete Bundesprogramm Verbindungen fördern aus, das uns seit 2022 ermöglicht hat, als Netzwerk zu wachsen und wichtige Angebote für Produzent*innen und interessierte Akteur*innen der Freien Darstellenden Künste zu entwerfen und erfolgreich umzusetzen.
Mit Veröffentlichung der Ergebnisse aus der Bereinigungssitzung für den Bundeshaushalt 2026 ist klar geworden: Es wird keine anschlussförderung für das wichtige Programm Verbindungen fördern geben.
Für alle geförderten netzwerke im Allgemeinen ist die fehlende Finanzierung ab 2026 ein herber Rückschlag. Für Produzent*innen und unser Netzwerk im Speziellen bedeutet die fehlende Anschlussfinanzierung, deutlich an Sichtbarkeit und Anerkennung als förderfähige Akteur*innen (ob als Einzelperson, Produktionsbüro oder als Netzwerk) zu verlieren. Ganz zu schweigen davon, als vielstimmiges Netzwerk Einfluss ausüben zu können auf kulturpolitische Diskurse, förderrechtliche Strukturen und inhaltliche Entscheidungen.
Wenn ohnehin schon der Glaube vorherrscht, dass Produzent*innen bloß gut bezahlte Belegaufkleber*innen sind, die einfach nur die öffentlichen Gelder abrechnen anstatt sie als Antragsteller*innen auch empfangen zu dürfen — dann rechnen wir tatsächlich einfach nur ab. Auf unsere ganz eigene Weise.
Wir reichen ein: unseren verschwendungsnachweis.
* Yes: Mindestens eine Person aus unserem Netzwerk durfte sich das schon einmal anhören.
waste of money: funding for producers
In Fragen der Interpunktion wird, vor allem beim Thema Kommasetzung, ein Beispiel herangezogen, das gleichermaßen in Schule und Universität auftaucht: hängen nicht laufen lassen. Deutschlehrer*innen und Linguistikdozierende freuen sich dann, Schüler*innen und Studierenden zu erklären, dass der Grund für die Kommasetzung nicht bloß reine Grammatik, sondern auch der Kontext sein kann. In diesem Beispiel würde also — begleitet von einem süffisanten Lächeln auf Lehrer*innenseite — ein Komma über Leben und Tod entscheiden, über Fortbestehen oder Abbruch. Inhalte also bauen die Szene, Interpunktion verschafft ihr eine Form und zuweilen auch einen Kontext.
Dass dieses Verhältnis zwischen Inhalt und Interpunktion, zwischen Szene und Kontext auch für die Beziehung zwischen Künstler*innen und Produzent*innen gelten sollte, hat unser Netzwerk seit 2021 tatkräftig bewiesen. Produzent*innen sind mehr als reine Formalist*innen, sie geben mit ihrer Arbeit an und mit dem Rahmen Produktionsprozessen passgenaue Strukturen und steuern für die Produktionsbeteiligten den relevanten Kontext bei — Ausrufezeichen
Dabei teilen wir mit unserem Beruf das gleiche Schicksal wie die Interpunktion: Über uns gesprochen wird viel, man hört uns aber literally selten. Erst, wenn man ganz genau oder überhaupt mal hinsieht, was da so geschrieben steht, dann sieht mensch sie (die Kommas) und uns (die Produzent*innen). Erst, wenn sie nicht da sind, stolpert mensch vielleicht und wundert sich, warum sie denn bloß fehlen oder was hier wohl schief lief — Fragezeichen
Punkt, Punkt, Komma, Netzwerkkürzungsstrich — fertig ist das ab 2026 förderlose produktionsbande-Gesicht.
Für uns Produzent*innen Bindestrich ein bisher selten anerkannter förderwürdiger Akteur*innenkreis Bindestrich im Speziellen Komma aber auch alle restlichen im Programm von „Verbindungen fördern“ geförderten Netzwerke im Allgemeinen ist eine fehlende Anschlussförderung ab 2026 ein bitterer Einschnitt Komma bedeutet dies in den meisten Fällen schlichtweg den Abbau mühsam erarbeiteter Strukturen Komma die nicht zuletzt auch als wesentliche Kontaktstellen für Querschnittsthemen der Landschaft der Freien Szene fungierten und so auch als Dezentralisierungsknotenpunkte das Netzwerk des Bundesverbands Freie Darstellende Künste und seiner Mitglieder um Expertise bereichern und zugleich kulturpolitisch unterstützen konnten Punkt
Eine fehlende Anschlussfinanzierung von „Verbindungen fördern“ bedeutet dabei nicht nur den Abbau erarbeiteter Strukturen Komma sondern auch Komma dass sich wichtige Themen Komma für die die insgesamt zehn Netzwerke in den letzten Jahren ansprechbar waren Komma beim Bundesverband ballen und damit der Druck für die zentrale Interessenvertretung erhöht wird Komma dieser Komplexität als einzige Geschäftsstelle auf Bundesebene zu begegnen Punkt
Hier fehlt dann also nicht mehr bloß ein Komma im System Punkt Hier fehlt kulturpolitische Weitsicht in der Förderung durch den Bundeshaushalt Ausrufezeichen Hier wird mit einer leeren Gießkanne auf komplexe Strukturen gegossen Komma die die auch von Politikseite selbst verabschiedeten Produktionsstandards zukünftig nicht halten können Punkt Die erarbeiteten Strukturen und ihre mittel- wie langfristigen Effekte verlieren ihre Wirkung Semikolon mit der fehlenden Anschlussförderung von „Verbindungen fördern“ wird schlichtweg Geld verschwendet Punkt
Hier wird nicht mehr nur das Komma und die Grammatik aufgegeben Semikolon hier werden Inhalte und Szene perspektiv- und wirkungslos los zurückgelassen, sodass sie an sich selber verwirren Doppelpunkt das geht runter wie Öl ins Feuer gießen Punkt Punkt Punkt
lektüre für ein producer*-seminar der zukunft
Eine Kollegin aus unserem Netzwerk hat die Rolle von Produzent*innen einmal beschrieben als magische Zauberwesen. Zu der eierlegenden Wollmilchsau kommt damit also noch das shape shifting dazu. Denn, wie wir wissen: Wir sind vieles.
Hier mal spontane*r Kabelträger*in bei der technischen Einrichtung, dort auch ungelernte*r Buchhalter*in beim Einreichen von GbR-Steuererklärungen. Gestern warst du noch Co-Autor*in beim Antrag, heute bist du zwar studierte*r Schauspieler*in, machst aber Honorarverträge mit allen Team-Beteiligten — und morgen wirst du auf einer Probe gebeten, Logistiker*in zu spielen: Wie kriegen wir dieses Riesenbühnenbild gut und einfach auf Tour?
Wir sind vieles — für viele. Aber was sind wir eigentlich als Produzent*in? Für uns selbst und für unsere Kolleg*innen? Die folgenden Abschnitte schlagen jeweils eine Facette unserer Arbeit vor, die zu einem Text führt. Fühlt euch herzlich zur Lektüre eingeladen — die Texte stammen entweder von Produzent*innen selbst oder von Akteur*innen, die die Wichtigkeit unserer Arbeit erkennen und zu Papier bringen. Wenn ihr Inspiration, Anerkennung, Support oder ihr euch einfach vor Augen führen wollt, was ihr alltäglich alles leistet: these texts were made for you and us.
l.m.a.a.: lass' mal anders arbeiten
Bereits 2013 formuliert Thomas Schmidt ein neues Berufsbild im Stadt- und Staatstheater: die*der künstlerische Produzent*in: „[Das Berufsbild] vereinigt nicht nur die organisatorischen Fähigkeiten des Produktionsleiters, der eine Produktion von ihrer Entstehung bis zur Premiere organisatorisch betreut, und zumeist sowohl in den technischen und inszenatorischen Bereichen ‚zu Hause‘ ist, sondern der diese Bereiche mit dem deutlichen Anspruch verkoppelt, eine Produktion auch künstlerisch beratend zu betreuen.“
Producer Gathering — ein UK-Zusammenschluss von Produzent*innen der Freien Darstellenden Künste — hat’s einfach gemacht: ein self-care support reader von und für Produzent*innen. Einer der zahlreichen Artikel trifft ganz tief ins Schwarze: „Asking people who make things happen and get things done – or “produce”– to reflect on their potential physical and emotional exhaustion, tends to quickly push away from the reflective and towards something tangible and practical.“
Unsere Rolle: vielschichtig, komplex, fluide. Unsere Ausbildung: learning by doing, faking and failing. Wenn es schon keine wirklich passenden Ausbildungswege gibt, erfinden wir sie für uns einfach selber. Das zeigt Katja Sonnemann am Beispiel der Akademie für Performing Arts Producer (2014 - 2018), die vom Bündnis internationaler Produktionshäuser angeboten wurde.
Mit freundlicher Genehmigung vom Bündnis internationaler Produktionshäuser zur Veröffentlichung der beiden Artikel aus ihrer Publikation „Producing Performing Arts“ (Alexander Verlag, Berlin 2022).
Der Essay „Das Andere als Standard“ schlägt vor, Produzent*innen als eine durchlässige Membran zu verstehen, die zwischen Räumen der Kunst (Bühnen) und Räumen des Betriebs (Büros) vermittelt. Das Besondere: In den Freien Darstellenden Künsten fällt Kunst und Betrieb in einem Raum zusammen. Und dieses Unikum stellt gerade die Produktionsarbeit vor komplexe Herausforderungen, die Produzent*innen lösen können.
Schon während der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass Produzent*innen auch in Krisen navigieren können (müssen) — auf Einzelproduktions- sowie auf struktureller Ebene. Vânia Rodrigues hat bereits mit ihrer Publikation „Creative Production and Management in the Peforming Arts: Modus Operandi“ herausgearbeitet, dass Produzent*innen ein zentrales Element nachhaltiger künstlerischer Praktiken sind und damit auch Change-Managers sein können. Der Sammelband „Modes of Production: Performing Arts in Transition“ schließt an diese Auseinandersetzung an und zeigt anhand weiterer Stimmen: Produzent*innen formen (Re-)Organisations- und (Re-)Strukturierungsprozesse.
Isabell Lorey beschreibt in ihrem Text „Gouvernementalität und Selbst-Prekarisierung“ Arbeitsweisen freier Künstler*innen als Formen der Selbstausbeutung, die die aufgrund einer Fantasie von Selbstverwirklichung (be-)herrschenden Machtverhältnisse und Überproduktion reproduzieren. Sie schreibt zwar von Kulturproduzent*innen, meint damit aber vor allem Künstler*innen. Mit der Lesart einer*eines Produzent*in kann dieser Text aufzeigen, inwieweit sie hier ein Korrektiv der Selbstausbeutung von Künstler*innen sein können. Dafür haben wir Produzent*innen im Alltag spaßeshalber schon einen Namen bekommen: Spielverderber*innen — killjoys.
Das polnische Zbigniew Raszewski Theatre Institute führte in 2024 eine qualitative Studie zur Arbeit und Rolle von Produzent*innen im Öko-System der Darstellenden Künste durch. Auf über 80 Seiten geben Sie Einblicke in ihre Forschungsergebnisse. Nur einer von zahlreichen Gedanken, der runter geht wie Öl in der Publikation: „Producers are at the heart of the theatre ecosystem. They bring together the world of procedures, artists, audiences, technical staff, and logistics, ensuring the consistency and effectiveness of projects.“ Anders gesagt: Wir sind Prozessgestalter*innen und haben alle Einzelteile im Blick, die wir in ein Ganzes fügen — und das wiederum ist eingebettet in das große Ganze.
Julia Buchberger, Patrick Kohn und Max Reiniger schlagen behutsam, fast schon schüchtern in der Einleitung zu ihrem Sammelband „Radikale Wirklichkeiten: Festivalarbeit als performatives Handeln“ eine Verbindung zwischen zwei Bereichen vor, die, einmal ausgesprochen, ja fast schon viel zu nahe liegt: Wenn der frequently used term „performativ“ in der Theaterwissenschaft „wirklichkeitserzeugend“ meint, dann ist das gesamte Performativitätskonzept nicht nur auf künstlerische Aufführungen anwendbar, sondern auch auf alle Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass Shows oder Theater überhaupt stattfinden können. Anders gesagt: Produzent*innen performen, weil sie spezielle, von ihnen gestaltete Arbeitsumgebungen für alle Produktionsbeteiligten als Wirklichkeit(en) hervorbringen. Kurz gesagt: Ein verschlossener Raum öffnet sich, wenn sich um den passenden Schlüssel gekümmert wurde.
zur mindblowing einleitung (aka: open access zum gesamten buch): hier